Eine innere Haltung zwischen Selbstannahme und Verantwortung
Dieser Artikel gehört zur Reihe Grundhaltungen im Gespräch.
Er beschreibt die innere Haltung „Ich bin ok“ – nicht als Ausrede oder Selbstberuhigung, sondern als Grundlage für Verantwortung, Selbstklärung und gelingende Gespräche.
Eine innere Haltung – keine Ausrede
„Ich bin ok.“
Das klingt groß. Umfassend. Fast wie geheilt.
Und ja – das ist es auch: wertvoll, stärkend, würdevoll.
Gleichzeitig ist „Ich bin ok“ viel mehr als ein positives Selbstbild.
Es ist eine Herausforderung.
Denn gerade dann, wenn Du nicht perfekt bist,
wenn Du nicht geheilt bist,
wenn Du Wunden hast,
wenn Du Fehler machst,
genau dann ist diese Haltung gefragt.
„Ich bin ok“ bedeutet nicht, dass alles gut läuft.
Es bedeutet: Ich nehme mich liebevoll an – auch mitten im Unfertigen.
Ok sein hängt nicht von Fehlerfreiheit ab
Ok sein hängt nicht davon ab, ob Du alles richtig machst.
Ok sein ist eine innere Haltung Dir selbst gegenüber.
Viele Menschen rutschen sehr schnell in ein inneres
„Ich bin nicht ok“,
sobald etwas schiefgeht.
Andere rutschen genauso schnell in ein unreflektiertes
„Ich bin ok“
und machen die gleichen Fehler immer wieder – ohne Bewusstsein, ohne Verantwortung.
Beides meint nicht das, wovon hier die Rede ist.
Es geht nicht darum, blind über sich hinwegzugehen.
Nicht darum, alles an sich bedingungslos gutzuheißen.
Nicht darum, Fehler zu übertünchen.
Es geht um etwas Feineres.
Bewusstsein und Annahme gehören zusammen
„Ich bin ok“ bedeutet:
- Ich erkenne, dass ich einen Fehler gemacht habe.
- Ich nehme wahr, dass ich etwas anders machen möchte.
- Und gleichzeitig erkenne ich an: Dieser Fehler ändert nichts an meinem Wert.
Das ist ein schmaler Grat.
Bewusstsein ohne Annahme macht hart.
Annahme ohne Bewusstsein macht blind.
„Ich bin ok“ ist eine Annahme über mich selbst –
und genau diese Haltung hilft, in Gesprächen aufrecht zu bleiben.
Wer vertieft verstehen möchte, wie eine Haltung „Ich bin nicht ok“ wirkt und wie sie sich innerlich zeigt, findet dazu einen eigenen Beitrag:
„Warum Gespräche schwierig werden, wenn Du innerlich gegen Dich arbeitest“ – der Beitrag zur Haltung Ich bin nicht ok.
Wie wir innerlich mit uns sprechen
Im Gespräch – und im Alltag – wechseln wir ständig unsere Grundposition zu uns selbst.
Oft unbemerkt. Oft gnadenlos.
Ein einfaches Beispiel:
Du hast einen Auffahrunfall.
Viele Menschen sagen innerlich sofort:
„Wie blöd kann man sein.“
Eine andere innere Haltung wäre:
„Hui, das wolltest Du nicht. Das kann passieren.
Das kannst Du in Zukunft anders machen.“
Und gleichzeitig:
Auch wenn Du diesen Fehler gemacht hast – Du bist ok.
Das Beispiel ist harmlos.
Aber achte einmal darauf, wie häufig Du Dich im Alltag innerlich beschimpfst, abwertest oder kleinmachst.
Genau darum geht es hier.
Viele dieser Stimmen sind nicht Deine eigenen
Viele dieser inneren Stimmen haben wir lange von außen gehört.
Und je öfter wir sie gehört haben, desto leichter übernehmen wir sie selbst.
Abwertung ist uns oft näher als Akzeptanz.
Bewertung schneller als Wertschätzung.
Dieser Text ist ein Impuls, genau hier Bewusstsein zu schaffen –
und diese innere Abwertung nicht weiterzuführen.
Verhalten ist nicht gleich Mensch
Das gilt auch im Umgang mit Kindern – und mit Dir selbst.
Es ist keine Hilfe, einem Kind während eines Wutanfalls zu sagen:
„Du bist ok“,
wenn damit das Verhalten unreflektiert bestätigt wird.
Differenzierter wäre:
„Du bist ok – auch wenn Deine Handlung gerade nicht ok ist.“
Hier beginnt etwas Entscheidendes:
die Trennung von Mensch und Verhalten.
Und genau diese Unterscheidung braucht es auch Dir selbst gegenüber.
Du bist als Mensch ok –
auch wenn Deine Tat anders hätte sein können.
Zwischen Abwertung und Dauerlob
Viele Eltern haben erkannt, wie wichtig Lob und Wertschätzung für Kinder sind.
Gerade dann, wenn sie selbst wenig davon erfahren haben.
Manchmal kippt diese Einsicht jedoch in das Gegenteil:
Kinder werden in allem positiv verstärkt – unabhängig davon, was sie tatsächlich tun oder leisten.
Die Eltern geben viel, oft aus bestem Willen.
Das Kind lernt dabei jedoch nicht, Verhalten realistisch einzuordnen.
Es erfährt Wert – aber kaum Rückmeldung zu Wirkung, Verantwortung oder Konsequenzen.
Später kann das irritierend werden:
Im Arbeitsleben bleibt die erwartete positive Rückmeldung aus.
Nicht aus Ablehnung – sondern weil dort Verhalten anders gespiegelt wird.
Genau hier zeigt sich, was die innere Haltung „Ich bin ok“ trägt:
Wert als Mensch – bei gleichzeitiger Bereitschaft, Verhalten anzuschauen.
Der entscheidende Unterschied
Verhalten ist nicht einfach richtig oder falsch.
Es hat Wirkung – und diese Wirkung kann benannt werden.
Nicht jedes Verhalten ist „falsch“.
Aber jedes Verhalten hat Auswirkungen – und diese dürfen betrachtet werden.
Der Mensch bleibt ok.
Das Verhalten wird sichtbar.
Das gilt für Kinder.
Für Mitarbeitende.
Für Führungskräfte.
Und vor allem: für Dich selbst.
„Ich bin ok“ ist kein Freifahrtschein.
Es ist eine Haltung, die Entwicklung erst möglich macht.
Lass das einmal auf Dich wirken.
Und nimm Dir eine Schwäche, die Du kennst – ganz konkret.
Auch wenn ich XY habe, bin ich ok.
Spür, was das mit Dir macht.