Viel Lebensenergie geht dadurch verloren, dass wir uns Gedanken machen über Dinge, die wir nicht ändern können.
Oft ist uns dabei nicht bewusst, dass wir nichts ändern können.
Wir reden darüber, weil wir hoffen, doch noch etwas zu bewegen – durch Worte, durch Argumente, durch Wiederholung.
Viele Gespräche entstehen aus dieser Hoffnung heraus.
Sie dienen weniger der Lösungssuche als dem Wunsch nach Einfluss, Entlastung oder Nähe.
Gespräche ohne Lösungsabsicht
Viele Gespräche haben nicht das Ziel, eine Lösung zu finden.
Sie strukturieren Zeit,
schaffen vorübergehende Nähe
oder dienen als Ventil.
Das ist legitim.
Problematisch wird es dort, wo wir erwarten, dass sich durch das Reden etwas verändert –
obwohl unser Einfluss begrenzt oder gar nicht vorhanden ist.
Oft gibt es keine Lösung im klassischen Sinn.
Manchmal besteht die Lösung darin, anzuerkennen, dass etwas so ist, wie es ist –
auch wenn wir es gerne anders hätten.
Das Wetter als Beispiel
Ein leicht nachvollziehbares Beispiel ist das Wetter.
Das Gespräch darüber ist tief im Alltag verankert, weil es unser Wohlbefinden beeinflusst.
Eigentlich müssten wir sagen:
Ich bin traurig, weil mir die Sonne fehlt. Sie hebt meine Stimmung.
Stattdessen sagen wir:
Dieser ständige Regen.
Dann folgt häufig eine Gegenposition:
Der Regen ist gut für den Boden.
Hier zeigt sich:
Das Wetter ist nur das Vordergründige.
Das Eigentliche – Stimmung, Bedürfnis, Ohnmacht – bleibt unausgesprochen.
Handlungsraum und Ohnmacht
Das Wetter ist von außen.
Ich kann es nicht verändern.
Ich kann nur mich beeinflussen:
durch Kleidung,
durch Ortswechsel,
oder – mit großem Aufwand – durch einen Umzug.
Auch dann bleibt das Wetter das Wetter.
Für viele ist dabei nicht das Wetter das eigentliche Problem,
sondern das Gefühl von Ohnmacht.
Etwas nicht beeinflussen zu können, ist schwer auszuhalten –
und genau deshalb wird so viel darüber gesprochen.
Der Wunsch, nicht ohnmächtig zu bleiben
Auch Menschen, die überzeugt sind, dass das Wetter künstlich beeinflusst wird, stehen vor derselben Frage.
Sie kaufen Geräte, bauen sogenannte Chembuster, stellen sie auf – in der Hoffnung, lokal etwas zu verändern.
Unabhängig davon, wie man dazu steht, zeigt sich hier vor allem eines:
der Wunsch, nicht ohnmächtig zu bleiben.
Ob es wirkt, wie lange es wirkt, ob es messbar ist, bleibt offen.
Das Gefühl jedoch ist eindeutig: Ich tue etwas. Ich bin nicht nur Opfer.
Und doch bleibt oft auch hier die Erfahrung,
dass der eigene Einfluss begrenzt ist.
Was liegt in meinem Einfluss – und was nicht
Hier beginnt der eigentliche Handlungsraum.
Will ich etwas verändern,
muss ich den Preis kennen:
Zeit, Geld, Kraft, Verlust von Vertrautem.
Oder entscheide ich mich, nichts zu verändern –
und höre auf, so zu reden, als müsste sich etwas ändern?
Auch Klagen ist legitim.
Aber wenn es nur ein Ventil bleibt,
kostet es langfristig Energie.
Akzeptanz ist eine Entscheidung
Akzeptanz heißt nicht Resignation.
Sie heißt, bewusst zu sehen:
Ich könnte etwas tun – aber ich will den Preis nicht zahlen.
Zum Beispiel:
Ich will Sonne,
aber ich will mein Zuhause nicht verlassen.
Ich will Veränderung,
aber nicht um jeden Preis.
Dann wird sichtbar,
was mir wirklich wichtig ist.
Kontakt ohne Erwartung
Wenn etwas geklärt ist,
muss ich eigentlich nicht mehr darüber reden.
Und doch bleibt die Frage:
Wie entsteht dann Kontakt?
Smalltalk – etwa über das Wetter – kann Kontakt herstellen.
Entscheidend ist die innere Erwartung:
Rede ich, um Nähe zu erleben?
Oder rede ich, weil ich unbewusst hoffe, doch noch etwas zu verändern?
Der Übertrag auf andere Themen
So wie beim Wetter ist es bei vielen Themen:
Der Nachbar bleibt, wie er ist.
Die Schwiegertochter ändert sich nicht durch Kritik.
Der Chef wird nicht anders, nur weil ich mich beschwere.
Reden verändert diese Situationen selten.
Aber es entlastet kurzfristig –
bis die nächste Last entsteht.
Eine offene Frage
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage:
Worum geht es mir, wenn ich immer wieder darüber rede?
Andrea Sam
Kommunikationsberaterin & Coach – für Klarheit im Inneren und bewusste Kommunikation im Alltag.