Zimtsterne und Aufstellung

Eine Erfahrung aus Aufstellungen- über die Abwesenheit von Mitgefühlt

Ich bin ein mitfühlender Mensch.
Normalerweise höre ich genau zu, nehme Zwischentöne wahr, bin innerlich beteiligt.

Und genau deshalb haben mich zwei Aufstellungserfahrungen bis heute beschäftigt.
Nicht, weil sie spektakulär waren.
Sondern weil in ihnen etwas Entscheidendes fehlte: Mitgefühl.

Ich war da – und zugleich nicht erreichbar

In einer Ausbildung war ich Resonanzgeberin für einen Mann, der ein mehrstöckiges Gebäude von einem jüdischen Eigentümer übernommen hatte. Der Jude sollte ausgeliefert werden.

Ein Thema, bei dem ich als Andrea innerlich vollkommen überwältigt gewesen wäre.

In der Rolle passierte jedoch etwas anderes.
Ich war nicht betroffen.
Ich war nicht innerlich bewegt.
Ich konnte nicht einmal wirklich zuhören.

Meine Aufmerksamkeit war bei etwas völlig Nebensächlichem:
Ich hatte Erdnüsse gegessen, und zwischen meinen Zähnen steckte noch etwas. Dieses Gefühl war so präsent, dass es meinen ganzen inneren Raum einnahm.

Nach der Aufstellung ließ ich mir erzählen, worum es gegangen war. Ich war erschüttert, berührt, betroffen.
Aber währenddessen war davon nichts zugänglich gewesen.

Ich habe das damals nicht eingeordnet. Ich habe es einfach stehen lassen.

Und dann waren da Zimtsterne

Jahre später stand ich in einer anderen Aufstellung – diesmal für das Wort „Fleck“, als Teil eines blinden Flecks.

Sehr schnell war klar: Ich war männlich, etwa 40 Jahre alt. Später zeigte sich, dass ich der Ex-Mann der aufstellenden Frau war.

Die Aufstellung war intensiv. Es ging um Weiblichkeit, Männlichkeit, um das, was diese Frau brauchte, um gesund zu werden.
Normalerweise hätte ich innerlich sehr genau zugehört.

In der Rolle war das unmöglich.

Stattdessen kreisten meine Gedanken um Zimtsterne.
Um ihren Geschmack.
Um ihre Konsistenz.
Um das Gefühl im Mund.

Das Absurde daran: Ich esse seit Jahren kein normales Gebäck mehr mit Ei. Und doch waren diese Zimtsterne innerlich so präsent, dass sie mich auch nach der Aufstellung nicht losließen.

Erst später sah ich zufällig ein Rezept, das zu meiner Ernährung passte, und backte sie mir selbst.

Keine Erkenntnis. Nur eine Erfahrung.

Diese Erlebnisse sind kein Vorbild.
Sie sind keine Methode.
Und sie erklären nichts.

Aber sie haben mir etwas gezeigt, das mich bis heute beschäftigt:

Man kann offenbar leben – zumindest zeitweise – ohne Mitgefühl.
Nicht hart.
Nicht böse.
Einfach ohne Zugang dazu.

Und das mitten in Momenten, die eigentlich danach rufen würden.

Ich weiß bis heute nicht, was das bedeutet.
Ich weiß nur, dass ich ohne diese Erfahrungen nicht gewusst hätte, wie leicht das gehen kann.

Vielleicht geht es dabei gar nicht um Aufstellungen.
Vielleicht geht es um innere Zustände, die wir an anderen Menschen wahrnehmen – und vorschnell bewerten.

Ich lasse diese Erfahrungen so stehen.
Nicht als Erklärung.
Nicht als Antwort.

Sondern als etwas, das mich leiser gemacht hat im Urteil über andere.
Und wacher für das, was manchmal einfach nicht verfügbar ist.

Andrea Sam
Kommunikationsberaterin & Coach
für Aufstellungen und Resonanzarbeit

Weitere Informationen zu meiner Arbeit mit Aufstellungen und Resonanzarbeit findest Du hier:
https://www.andreasam.com/selbstbegegnung-im-resonanzfeld/

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